Der AVR sieht in der Ausweitung der VPS im Rahmen von Tarifverträgen mit mehreren Arbeitgebern eine Voraussetzung für die Einleitung einer regulären Tarifrunde mit Ver.di. Diese drei wegweisenden Errungenschaften zeigen eine unerwartete Vitalität, wenn nicht gar eine Wiederbelebung der Tarifverhandlungen und der Arbeitsmilitanz in einer fließenden und atomisierten Arbeitswelt. Obwohl es noch früh sein könnte, den Beginn einer verbesserten und umfassenderen Agenda für organisierte Arbeit in diesem Sektor zu erklären, sind diese Vereinbarungen, wie Valerio De Stefano von der KU Leuven argumentiert, “viele Mythen über Die Plattformarbeit zu entlarven”. Beide Zahlensätze zeigen die großen Unterschiede zwischen den Branchen im Umfang der Tarifbindung. Die öffentliche Verwaltung hat den höchsten Anteil an Tarifbeschäftigten (98 % auf der Grundlage der IAB-Zahlen und 99 % auf der Grundlage der Einkommensstruktur), während Information und Kommunikation den niedrigsten (20 % auf beiden Zahlensätzen) aufweisen. Im verarbeitenden Gewerbe, einem Schlüsselbereich der deutschen Gewerkschaften, liegt die Tarifbindung zwischen diesen beiden Extremen: 56 % der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe sind Gegenstand von Tarifverhandlungen über die IAB-Zahlen und 43 % der Einkommensstruktur. Mehrarbeitgeber-Tarifverträge betreffen im Allgemeinen keine Bonussysteme oder Bewertungssysteme, die auf der Individuellen- oder Konzernleistung basieren. In ausgewählten Dienstleistungsbranchen wie dem Geschäftsbankensektor und dem genossenschaftlichen Bankensektor können bis zu 8 % des individuellen Jahresgehalts auf individuelle oder gruppenbasierte Kriterien (DE0608029I) angewiesen sein. Darüber hinaus ermöglicht eine Vereinbarung (die sogenannte Phoenix-Vereinbarung, DE0604029I) zwischen dem Arbeitgeberverband der metallverarbeitenden Industrie in Ostdeutschland (Ostmetall) und der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) eine Erhöhung des Grundlohns um bis zu 20 % je nach Leistung des einzelnen Arbeitnehmers. Im Zusammenhang mit der Forschung, die ich am EUI durchführe, sollen Einblicke in einen repräsentativen Teil der wachsenden Palette von Initiativen gewonnen werden, die darauf abzielen, nicht standardisierte Arbeitnehmer zu mobilisieren und neuartige Taktiken zu entwickeln, um sicherzustellen, dass diese Arbeitnehmer angemessene kollektive Rechte genießen.

Diese Aktionen basieren sowohl auf alten Formaten als auch auf erfinderischen Strategien, einschließlich en masse log-outs, Hashtag-Hijackings, Social Media und Crowdfunding-Kampagnen. Variable Zahlungssysteme (VPS) sind im Bank- und Versicherungswesen stärker verbreitet als in anderen Sektoren, wie dem verarbeitenden Gewerbe. Unabhängig von dem betreffenden Sektor beziehen sich die Gewinnbeteiligungs-, Bonus- und Bewertungssysteme jedoch in der Regel nicht auf Vereinbarungen über mehrere Arbeitgeber, die andere Aspekte des Vergütungssystems regeln. Die Öffnungsklauseln erlauben jedoch die Ausnahme von kollektiven Standards und/oder die Möglichkeit, die Höhe der Boni von der Leistung des Unternehmens abhängig zu machen. Während die Arbeitgeberverbände generell die weitere Ausweitung der VPS im Rahmen von Mehrarbeitgebertarifverträgen gefordert haben, zögern die Gewerkschaften eher, die regulären Löhne, zum Teil durch VPS, zu ersetzen. In Bezug auf VPS im genossenschaftlichen Bankensektor erklärte Ver.di, dass die Forderungen des AVR nicht akzeptabel seien und zu Lohnkürzungen von bis zu zwei Monatsgehältern führen könnten. Wichtig ist, dass diese Episoden eine vielversprechende Geschichte der Verschmelzung zwischen etablierten Gewerkschaften und selbstorganisierten oder Basisbewegungen zur “Wiederherstellung der Solidarität” erzählen, ungeachtet des anfänglichen (manchmal anhaltenden) gegenseitigen Misstrauens. Erfolgreiche Beispiele für Verhandlungen im Rahmen atypischer Arbeit, die vor Jahrzehnten im Bereich der Zeitarbeitsfirmen und in Sektoren, in denen atypische Arbeit weit verbreitet ist, wie die Kultur-, Kreativ- und Medienindustrie, entstanden sind, bestätigen, dass “Systeme in der Lage sind, sich an unterschiedliche und neue Arbeitsformen anzupassen, wie die OECD in ihrem jüngsten Beschäftigungsausblick 2019 erläutert.